Baumschulen im hohen Norden: „Jede Kundengruppe und jeden Bedarf bedienen“

Mit rund 300 Baumschulen zwischen Hamburg und der dänischen Grenze, ein Großteil davon konzentriert auf den Kreis Pinneberg, bietet Schleswig-Holstein eines der größten Anbaugebiete. Experten beleuchten die aktuelle Lage der Branche. (Claudia Kordes)

Weltweit größtes geschlossenes Anbaugebiet für Baumschulware

Kundenbeduerfnisse Baumschulen
Kunden, die ihre Ware in Baumschulen in Schleswig-Holstein beziehen, legen vermehrt Wert auf Nachhaltigkeit.

Mit 4000 Hektar liegt in Schleswig-Holstein ein Fünftel der Anbaufläche aller Baumschulen Deutschlands. Das „Pinneberger Baumschulland“, das fast drei Viertel der schleswig-holsteinischen Betriebe und 85 Prozent ihrer Produktionsfläche umschließt, gilt nach wie vor als eines der weltweit größten geschlossenen Anbaugebiete für Gehölze. Große Herausforderungen in den vergangenen Jahren erforderten die wirtschaftliche Weiterentwicklung der Baumschulen, viel unternehmerisches Know-how und ökonomisches Fingerspitzengefühl.

Auch heute bieten schleswig-holsteinische Baumschulen durch ihre Vielzahl, ihre Vielfalt, ihren hohen Spezialisierungsgrad und die in Jahrhunderten gewachsene Gemeinschaft dem Markt ein umfassendes Angebot. Mit etwa 2500 Beschäftigten werden jährlich rund eine Milliarde Pflanzen produziert, was ein Drittel der gesamtdeutschen Gehölzproduktion ausmacht. Insgesamt erwirtschaften die schleswig-holsteinischen Baumschulen etwa 160 Millionen Euro, das sind 20 Prozent aller in Deutschland im Baumschulsegment getätigten Umsätze.

Baumschulen: Vom Sämling bis zum Alleebaum

Das Produktionsspektrum der Baumschulen reicht vom Sämling bis zum Alleebaum, umfasst über 200.000 Artikel, wobei das durchschnittliche Sortiment aus über 1.000 Positionen besteht. Ziersträucher, Heckengehölze, Allee- und Straßenbäume, Solitäre und Koniferen bilden Schwerpunkte. Angebaut werden ebenfalls Immergrüne/Formgehölze, Rosen, Bodendecker und Obstgehölze.

Auch die größte Konzentration von Forstbaumschulen in Deutschland, die knapp 20 Prozent aller Baumschulbetriebe stellen, sowie die Hälfte aller deutschen zertifizierten Betriebe befinden sich in Pinneberg.

„Wir sind stolz darauf, dass wir mit unserem Angebot in den Baumschulen wirklich jede Kundengruppe und jeden Bedarf bedienen können. Während andere Anbaugebiete sich inzwischen auf bestimmte Märkte spezialisiert haben, können wir immer noch die gesamte Nachfrage vom Systemhandel über Spezialitäten und Raritäten bis hin zum klassischen Holsteiner Sträucher-Sortiment bedienen“, sagt Axel Huckfeldt, Vorsitzender des Bundes deutscher Baumschulen im Landesverband Schleswig-Holstein.

Baumschulen verzeichnen steigende Exporte

Da die schleswig-holsteinischen Baumschulen auf alle Kundenwünsche und Markterfordernisse eingestellt seien, gehörten sie im internationalen Vergleich zu den modernsten Betrieben ihrer Art. Die globale Vernetzung ist auch hier von immer größerer Bedeutung, was sich an den jährlich steigenden Exportleistungen messen lässt.
Neben der lokalen und nationalen Nachfrage spiele der Export ins europäische Ausland für Baumschulen eine große Rolle. Auch Länder aus Fernost und den USA beziehen Gehölze aus Schleswig-Holstein. „Die aktuelle Exportquote bezogen auf den Umsatz beträgt 20 Prozent“, sagt Dr. Frank Schoppa, Geschäftsführer des Bundes deutscher Baumschulen im Landesverband Schleswig-Holstein. „Die Quote ist zwar zurzeit durch das Russlandembargo unter Druck, zeigt aber generell eine gute Entwicklung, auch um schwächelnde Sortimente auszugleichen.“

Baumschulbranche: Strukturwandel geht weiter

Trotz ihrer gewachsenen Tradition unterliegen die Baumschulen der Region dem durch Konzentrationsprozesse gekennzeichneten Strukturwandel. Ursachen sind unter anderem der Trend zur Naturverjüngung in den Forsten zu Lasten der Aufforstung durch Gehölzjungpflanzen sowie die rückläufige Nachfrage der öffentlichen Hand, während sich der Rückgang der Obstgehölze produzierenden Betriebe und Anzuchtflächen durch Marktverschiebungen und zunehmende Spezialisierungstendenzen erklären lässt.

„Insgesamt gibt es weniger Betriebe bei etwa gleichbleibenden Flächen. Waren es im Jahr 2000 noch 7,5 ha durchschnittliche Betriebsfläche bei 600 Baumschulen, sind es jetzt 12 ha bei 300 Betrieben. Diese Entwicklung im Produktionsgartenbau betrifft ganz Europa“, sagt Dr. Schoppa. Auch Anbautechnik und Produktionsverfahren sind vom Wandel betroffen.
Trotz aller Nachteile des Strukturwandels sieht Schoppa Chancen für die Baumschulen: „Die Betriebe spezialisieren sich, konzentrieren sich auf Nischenmärkte, wandeln Freiland- in Containerflächen um und treiben die Digitalisierung voran. Vor allem der Online-Handel bietet durch die Veränderung des Einkaufsverhaltens der Abnehmer neue Absatzmöglichkeiten.“

Kunden der Baumschulen wollen nachhaltige Ware

Die Kunden der Baumschulen legen inzwischen großen Wert auf nachhaltig und ökologisch verantwortungsvoll produzierte Produkte, sodass sich das „angekratzte Image“ der Baumschulen aufgrund des Wertewandels in der Gesellschaft wieder zum Positiven drehen kann.

„Diesen Prozess unterstützen wir mit unserem gemeinnützigen Förderverein Kulturlandschaft Pinneberger Baumschulland“, betont Frank Schoppa, „denn die Stellung der Baumschulen im öffentlichen Bewusstsein hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Waren früher viele Haushalte aktiv mit dem Baumschulwesen als Fach- und Hilfs- oder Saisonkräfte verbunden, sind es heute die wenigsten. Die Verbindungen zur Baumschulkultur sind in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr abgerissen. Mit dem Förderverein stellen wir das Netzwerk wieder her, das öffentliches Bewusstsein erzeugt.“

Newsletter