In der Tulpen-Welt allein unter Männern

16.08.2018

In der Tulpen-Welt allein unter Männern

Auf rund 78 Hektar baut Degenhardt Spezialkulturen neben Tulpen auch Kulturen wie Krokusse und Gladiolen zur Knollenproduktion an.

Über die Arbeit in einer männerdominierenden Branche, familiäre Tradition und berufliche Zukunftsvorstellungen berichtet Christiane Degenhardt-Sellmann, Inhaberin des Blumenzwiebelproduktionsbetriebes Degenhardt Spezialkulturen. Von der angehenden Fachredakteurin Yasmin-Coralie Berg.

Niederlande weltweit größter Tulpenproduzent

Die Niederlande sind der weltweit größte Tulpenproduzent. Tulpenzwiebeln – eine klassisch holländische Angelegenheit, möchte man also meinen. Bis man Christiane Degenhardt-Sellmann kennenlernt. Sie hat sich auf diesen sehr von Männern dominierten Produktionszweig spezialisiert und leitet den Blumenzwiebelproduktionsbetrieb „Degenhardt Spezialkulturen“ in Schwaneberg in der Gemeinde Sülzetal in Sachsen-Anhalt.

Auf rund 78 Hektar baut sie neben Tulpen auch Kulturen wie Krokusse und Gladiolen zur Knollenproduktion an, die vom guten Boden der Magdeburger Börde profitieren. Durch ihre effiziente Arbeitsweise verknüpft die Unternehmerin familiäre Tradition mit züchterischem Know-how. Das hat sich auch unter den holländischen Blumentreibern herumgesprochen.

„Ich habe mir einen Namen in den Niederlanden gemacht“

Tulpen in allen Farben – fast soweit das Auge reicht, und das in Reihen von bis zu 1,7 Kilometern Länge. Das ist das erste, was bei einem Besuch des Betriebes von Christiane Degenhardt-Sellmann auffällt. 2002 hat sie den Blumenzwiebelproduktionsbetrieb ihres Vaters, dem früheren Landgard-Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Degenhardt, als Pachtbetrieb und 2014 als Eigentümerin übernommen. Zu ihren Kunden zählen nicht nur Schnittblumenproduzenten wie das Unternehmen ihrer Schwester Degenhardt Flora GmbH in Neuss. Auch Discounter und Blumenzwiebeltreibereien in Deutschland, Polen, Frankreich und den Niederlanden kaufen ihre Zwiebeln.

Mehr als 70 Prozent der Ware gelangt ins Ausland. Besonders die holländischen Kollegen sind von ihrer Arbeit überzeugt. Sie sehen die Produktion von Christiane Degenhardt-Sellmann nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung für ihr eigenes Geschäft. „Ich habe mir mit der Qualität meiner Ware unter meinen niederländischen Geschäftspartnern einen Namen gemacht“, sagt Degenhardt-Sellmann. Für ihren eigenen Betrieb greift sie in der Regel auf Pflanzgut aus den Niederlanden zurück, und das, so die studierte Gartenbau-Ingenieurin, auf der Basis großen Vertrauens: „Gutes Pflanzgut ist schließlich immer schwieriger zu bekommen“.

„Das Tulpengeschäft“, sagt sie, „ist ein Termingeschäft.“ Bereits im Herbst nimmt sie Bestellungen von ihren Kunden an, um beiden Seiten eine gewisse Sicherheit anzubieten. Vor allem bei Vertragsverhandlungen sei Durchsetzungsfähigkeit gefragt. „Das sind manchmal sportliche Verhandlungen“, schildert Christiane Degenhardt-Sellmann. „Die Tulpenwelt ist eine absolute Männerwelt, besonders in den Niederlanden. In Holland ist das ein richtig anspruchsvolles Geschäft, was sich durch langjährige Liefertreue und Auftragserfüllung zu marktüblichen Preisen definiert.“

Familienbetrieb mit vielfältigen geografischen Wurzeln

Auf rund 43 Hektar produziert der Betrieb Tulpen – eine Familientradition. Das Gespür für Pflanzen, insbesondere Blumenzwiebeln, wurde ihr bereits in die Wiege gelegt. Ihr Vater vermittelte ihr und ihrer Schwester Susanne von Beginn an, dass auch Frauen in der Branche willkommen sind. So sammelte Christiane zunächst im Familienbetrieb in Neuss Berufserfahrung und war verantwortlich für den Einkauf von Blumenzwiebeln. Mit diesem Wissen tritt sie in die Fußstapfen früherer Generationen und führt heute den Betrieb in Schwaneberg umso erfolgreicher fort.

„Da habe ich mich reingefuchst“, resümiert sie. Jetzt, nahe Magdeburg, kehrt sie an die Ursprünge der Gärtner-Familie zurück. Denn dort legte Ernst Degenhardt 1930 den Grundstein. Im Rahmen der deutschen Teilung flüchtete die Familie nach der Enteignung des Betriebes in der Börde nach Nordrhein-Westfalen und errichtete dort ihr neues Standbein. Schnell erweiterte Degenhardt sein einstiges Blumenkohl-Sortiment um Tulpen- und Gladiolenkulturen mit dem Ausbau von Gewächshäusern für die Produktion im Freiland sowie unter Glas. Erst Mitte der 90er-Jahre konnte der Schwaneberger-Betrieb zurückgewonnen werden. Mit viel Energie und Ideenreichtum entwickelten sie den Blumenzwiebelproduktionsbetrieb weiter.

Kurze Dauer der Blütenpracht

Um den Betrieb erfolgreich zu leiten, setzt sie auf weibliche Unterstützung. Gefunden hat sie diese in Betriebsleiterin Wenke Häntze. Während Degenhardt-Sellmann abwechselnd mit ihrem Mann Benedikt Sellmann, der einen Schweinezuchtbetrieb in Rosendahl führt, zwischen Münster und Schwaneberg pendelt, ist Häntze konstante Ansprechpartnerin vor Ort. Mit Häntze und dem Team aus sechs festen Mitarbeitern und 30 Aushilfen bewirtschaftet Degenhardt-Sellmann die über 360 Hektar Pacht- und Eigenland.

Nach der Pflanzung der Zwiebeln im Herbst und dem Wachstum im Frühjahr verlieren die Tulpen, wie jetzt gerade im April, gezielt ihre Blütenpracht, damit alle Energie in die Zwiebel geht. Zunächst werden dabei Falschblüher wie zum Beispiel Fehlfarben selektiert und von Hand entfernt. Die Tulpen werden anschließend mit einer Maschine im April geköpft, im Juli folgt dann die Rodung und Ernte der Zwiebeln. Eine solide Fruchtfolge im Wechsel mit anderen landwirtschaftlichen Saatkulturen wie beispielsweise Rüben und Getreide erhält die Qualität des Bodens.

Hiesiges Kontinentalklima lässt robuste Zwiebeln wachsen

Der Erfolg ihrer Zucht ist vor allem auf die Qualität der Böden zurückzuführen. Die Magdeburger Börde besteht aus sehr fruchtbarer Schwarzerde. „Eine Zwiebel aus diesem Boden hat mehr Kraft“, sagt Degenhardt-Sellmann. Das hiesige Kontinentalklima lässt robuste Zwiebeln wachsen. Grundlage des kräftigen, vitalen Wuchses der Tulpen in der Treiberei ist die Zwiebelproduktion auf den gehaltvollen Schwarzerdeböden. Durch den Regenschatten des Harzes und die geringen Niederschläge greift der Betrieb auf Trommelregner und Tropfschlauchbewässerung zurück.

Ihr unkonventionelles Denken und ihre Offenheit für Neues stellt Christiane Degenhardt-Sellmann gerade wieder mit dem Übertrag eines Ernteverfahrens unter Beweis, das sich in den Niederlanden durchgesetzt hat. Dabei wird zu Kulturbeginn beim Auspflanzen der Jungzwiebeln ein netzartiges Gewebe miteingebracht. Bei der späteren Ernte rieselt dann die Erde, nicht aber die Zwiebeln, durch das angehobene Gewebe. Diese Idee griff die Unternehmerin auf und verwendete die Netze in diesem Jahr erstmals auch für ihre Lössböden.

„Das ist ein ganz anderes Ernten“, sagt Christiane Degenhardt-Sellmann stolz. Der Vorteil dieser Herangehensweise liege nicht nur in einer schonenderen Ernte ohne anschließende Waschung, auch ermöglicht es ein effizientes Arbeiten in Bezug auf die anschließende Trocknung und Lagerung der Tulpenzwiebeln. Zudem werde die Anfälligkeit für Krankheiten wie Fusarium reduziert.

Ob sie sich vorgestellt hat, jemals beruflich etwas anderes zu machen? Christiane Degenhardt-Sellmann: „Ich hatte als Kind schon Gemüse, Garten und alles. Man lebt damit. Gärtner ist Gärtner.“

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