Ohne chemischen Pflanzenschutz: „Eine machbare Herausforderung“

02.09.2017

Chemischer Pflanzenschutz ade? „Ich denke, es ist notwendig, langfristig zu denken und auch bei der Produktion von Zierpflanzen auf chemische Mittel zu verzichten“, sagt Stefan Gatz. Der Warengruppenmanager Garten der Globus Fachmärkte weiß als gelernter Gärtner, wovon er spricht. Von Katrin Klawitter

Zierpflanzen-Produktion Pflanzenschutz
Auch die Produktion von Petunien wird laut Expertenmeinung in naher Zukunft nicht ohne chemischen Pflanzenschutz auskommen.

Herr Gatz, ist es möglich, dass die Produktion von Zierpflanzen in Zukunft ohne chemischen Pflanzenschutz erfolgt?

Nach meinem Wissensstand ist dies bei den derzeitigen Produktionsbedingungen und den Preiswünschen der Kunden nicht so schnell möglich. Ich sehe aber auch immer mehr Produzenten, die bei längeren Kulturzeiten mit Nützlingseinsatz anstatt von chemischem Pflanzenschutz arbeiten. Hier muss uns allerdings die Publikumspresse dabei helfen, etwaige an der Pflanze verbleibende Nützlinge nicht als Schaden zu betrachten.

Welche Vorgaben hinsichtlich Pflanzenschutzmittelrückständen und Pflanzenschutz werden in Zukunft von Ihnen auf den Gartenbau zukommen?

Wir agieren gemeinsam mit unserem Hauptlieferanten in Holland. Eine Restriktion hinsichtlich Pflanzenschutz und Pflanzenschutzmittelrückständen gibt es für die Neonicotinoide. Unsere Produzenten werden auf Grund der von ihnen getätigten Aufzeichnungen zu MPS und Global GAP bewertet und begleitet. Gärtner, die sich nicht bewerten lassen oder auch nach Aufforderung ihre Pflanzenschutzmaßnamen nicht verändern, fallen aus unserem Produzentenportfolio.

Woran orientieren Sie Ihre Vorgaben für den Pflanzenschutz? Machen Sie dabei Unterschiede zwischen Pflanzen, die zum Verzehr geeignet sind, und solchen, die rein als Zierpflanzen dienen?

Generell gibt es beim Pflanzenschutz keinen Unterschied zwischen Pflanzen, die zum Verzehr geeignet sind, und reinen Zierpflanzen. Alles, was unsere Kunden kaufen, muss frei von Schadstoffen sein. Wir machen derzeit keine Vorgaben für den Einsatz von Mitteln für den Pflanzenschutz, mit Ausnahme der oben genannten Neonicotinoide. Der Gärtner hat die Verantwortung für die sachliche und fachliche Produktion der von uns gewünschten Pflanzen. Das schließt den Gebrauch von chemischen Mitteln für den Pflanzenschutz ein, die selbstverständlich nach den gültigen Richtlinien zu verwenden sind.

Wo sehen Sie Lösungsansätze im Pflanzenschutz, um einerseits gesunde, optisch tolle und bezahlbare Pflanzen auf den Markt zu bringen und die Produktion dieser Pflanzen trotzdem noch rentabel zu machen?

Ich empfehle allen, die sich dem Thema Pflanzenschutz auseinandersetzen, die Lektüre des 1962 erschienen Buches „Der stumme Frühling“ von Rachel Carson. Sie beschreibt hier, sehr ruhig und sachlich recherchiert, die Auswirkungen des damals verwendeten Wirkstoffs DDT. Das ist erschreckend und erhellend zugleich. Wir haben heute solche Mittel nicht mehr für den Pflanzenschutz im Gebrauch und viele andere Mittel, die ich in meinen vergangenen 40 Jahren als Gärtner kennengelernt und auch eingesetzt habe, sind nicht mehr in der Verwendung. Und wir haben schönere und preiswertere Pflanzen als jemals zuvor. Es muss sich vieles verändern, von der Züchtung der einzelnen stärkeren Sorten bis hin zur Kulturführung. Das geht nicht von heute auf morgen, es ist aber eine machbare Herausforderung.

Ist für Sie der Verzicht auf chemische Mittel im Pflanzenschutz der langfristig einzige Weg, dem Kunden hier zu begegnen? Welche Chancen sehen Sie beispielsweise darin, wenn Handel und grüne Branche dem Kunden gegenüber erklärender auftreten in Sachen Pflanzenschutz?

Wenn es sich um integrierten Pflanzenschutz handelt, sofort. Nur der Chemie das Wort predigen, nein. Wie oben schon beschrieben, ist dies alles eine Aufgabe der Züchter, der Hersteller der Mittel für den Pflanzenschutz und der Gärtner. Und dann ist es unserem Kunden wichtig, dass er eine schöne Pflanze erhält. Das ist das einzige, was er will. Diese muss und kann auch ohne ständigen Einsatz von Mitteln im Pflanzenschutz überleben. Häufig erleben wir ja, dass Pflanzen, die in einem optimalen Umfeld aufgezogen wurden und absolut top zu uns in den Handel kommen, nach relativ kurzer Zeit Befallsdruck mit Pilzen sowie saugenden und beißenden Schädigern haben. Bei uns im Handel ist das Leben für diese Pflanzen hart. Es ist die entbehrungsreichste Station in ihrem Leben. Das muss durch Selektion verändert werden. Dann sind auch unsere Kunden mehr als zufrieden. Mein Wunsch also: Immer weniger Chemie im Pflanzenschutz und immer mehr stabilere Züchtungen.

Zur Autorin: Katrin Klawitter ist freie Journalistin für die Grüne Branche. Sie ist für das Redaktionsteam der TASPO und weitere Medien aktiv.

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