Pflanzenschutz: Mit Verboten hört „es“ nicht auf

19.12.2017

Werden unsere Lebensmittel, werden unsere Pflanzen durch das Verbot eines Pflanzenschutzmittels wirklich sicherer? Dieser Frage geht die AFC Consulting Group (Bonn) in ihrem Buch „Chancen und Risiken für die Food Value Chain“ am Beispiel Glyphosat sehr eindrucksvoll nach. Von Katrin Klawitter

Glyphosat nur Stellvertreter in Pflanzenschutz-Diskussion

Pflanzenschutz Verbote
Glyphosat & Co.: Das Thema Pflanzenschutz wird in den Medien oft hochgekocht.

Stellen wir uns vor, die Zulassung für Glyphosat würde nicht verlängert. Leben wir dann in ruhigeren Zeiten? Abgesehen von den Folgen, die viele Verbraucher nur wenig umfassend einschätzen können – wie einem stärkeren Einsatz anderer Herbizide und damit verbundener Wechselwirkungs- und Rückstandsproblematiken – wären es vor allem die NGOs, die das Verbot als Sieg für sich buchen würden, prognostiziert das Buch.

„Glyphosat ist nur ein Stellvertreter in der Diskussion um den Einsatz und die möglichen Risiken von Pflanzenschutzmitteln“, folgert die Beratungsgesellschaft für den Agrarbereich. „Wir können davon ausgehen, dass sich NGOs weiterhin mit Pflanzenschutzthemen und der Forderung nach Verboten und Reduzierungen solcher Stoffe beschäftigen werden.“

Die Diskussionen um Wirkstoffe wie Neonicotiniode seien auch ein Beweis dafür, dass es hier immer neue Themen geben wird. Dies unabhängig davon, ob die zuständigen Behörden und wissenschaftlichen Untersuchungen anderes beweisen. Wie also kann eine Branche mit so einem Thema umgehen? Wie lauten die Wege aus der Krise? Diese Fragen versuchte vor einiger Zeit Markus Hinskes von der AFC im Rahmen eines Gartenbauseminars in Hannover-Ahlem zu beantworten.

Pestizide in den Medien: Top Five „Issue“

Zuerst einmal ein rein statistisches Argument: Themen rund um die Agrar- und Ernährungsbranche werden in der Öffentlichkeit seit Jahren in hoher Frequenz diskutiert. Laut regelmäßigen Erhebungen der AFC, die dafür Medien bundesweit auswertet, gehört das Thema Pestizide immer zu den Top Five der sogenannten „Issues“ oder auch meist veröffentlichten und diskutierten Problemen der beiden Branchen. Als Beispiel zog Hinskes das Jahr 2015 heran: Da machte die Kategorie „Pestizide“ 6,1 Prozent aller ausgewerteten Meldungen im Bereich Agrar und Ernährung aus.

Neben dem Wirkstoff Glyphosat fand sich auch die Wirkstoffgruppe der Neonicotinoide, welche mit dem Bienensterben in Verbindung gebracht wird, sowie der allgemeine Pestizid- beziehungsweise Pflanzenschutzmitteleinsatz im Jahr 2015 im Mittelpunkt der Berichterstattung. „Rund um die Agrar- und Ernährungsbranche werden zumeist die gleichen Themen diskutiert“, folgert Hinskes.

Insellösungen im Pflanzenschutz bringen nichts

Wichtig sei es, so der Experte, da solche Branchenthemen meist die komplette Wertschöpfungskette betreffen, dass sich deshalb immer auch alle beteiligten Glieder – Erzeuger, Verarbeiter, Lieferanten, Handel und Verbände – mit dem Thema beschäftigen. „Insellösungen bringen nichts“, so Hinskes.

Das Management kritischer Themen, so der Experte, sollte immer unter Berücksichtigung der Anspruchsgruppen in der Öffentlichkeit erfolgen. Denn solche Themen werden häufig über Medien und NGOs in der Öffentlichkeit verbreitet.

Genau hier setzt auch die Beratungsarbeit von AFC an: Das Unternehmen, Beratungsgesellschaft für Risiko-, Krisen- und Kommunikationsmanagement in der Agrar- und Ernährungsbranche, beobachtet unter anderem Indikatoren für kritische Themen auf dem Markt und hilft den Beteiligten der Branche dabei, angemessen darauf zu reagieren.

„Wichtig ist es für Sie als Branche, sich möglichst früh mit diesen Themen zu beschäftigen.“ Das können genauso „kleine“ Themen sein, die regionale Medien aufgreifen und die nur Einzelbetriebe betreffen – beispielsweise mangelnde Betriebshygiene.

Genauso aber auch große Themen – vom kritisierten Folieneinsatz im Spargelanbau bis zu den aktuellen Pflanzenschutzmitteldiskussionen.

Das Gros der NGOs, so Hinskes, sieht sich als Impulsgeber in der Öffentlichkeit, was auf der einen Seite auch dazu beiträgt, dass sich die Branche kontinuierlich weiterentwickelt. Auf der anderen Seite lässt sich natürlich darüber streiten, mit welchen Mitteln diese Themen bekanntgemacht werden.

Detaillierte Inhalte zur Risikoabschätzung analysieren

Die Kommunikation zu kritischen Themen bedarf laut Hinskes einer strategischen Vorgehensweise. Dazu gehört es, alle relevanten Informationen und Daten zu erfassen, detaillierte Inhalte zur Risikoabschätzung zu analysieren, Erwartungen von Anspruchsgruppen genau abzuschätzen, Strategien zur Kommunikation zu entwickeln und dann konkrete Aktivitäten zur Öffentlichkeitsarbeit durchzuführen.

Dabei ist genau zu unterscheiden: Ist es ein Unternehmensthema oder ein Branchenthema? Beides muss jeweils anders angegangen werden in der Kommunikation. Je nach Thema sollte auch unterschieden werden: Reagiert man erst, wenn das Thema schon in der Öffentlichkeit „hochgekocht“ ist – also reaktiv, indem man beispielsweise die eigene Position darstellt oder – auch eine mögliche Reaktion – das Ganze taktisch abwartet und „aussitzt“? Oder reagiert man (pro)aktiv, indem man beispielsweise bei intern bereits bekannten Problemen zunächst Verbesserungen intern einleitet und diese dann kommuniziert?

Kommunikation – der Weg aus der Krise

Für die Kommunikation eignen sich die verschiedensten Kanäle und Mittel – von Vorträgen und Fachartikeln über Pressekonferenzen und Round-Table Gespräche bis hin zu Bildern, Factsheets, Interviews und Websites. „Die Maßnahmen, die Sie wählen, müssen zu den Bedürfnissen der Anspruchsgruppe passen“, erläutert Hinskes die Individualität möglicher Maßnahmen. Sein Tipp für kritische Themen im Agrarbereich: „Zeigen Sie Realität, keine Idylle! Öffnen Sie sich und stimmen Sie sich mit Ihrem Verband ab – kurz: Transparente Verbraucherkommunikation ist eine Chance!“

Zur Autorin: Katrin Klawitter ist freie Journalistin für die Grüne Branche. Sie ist für das Redaktionsteam der TASPO und weitere Medien aktiv.

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