„Wir gehen davon aus, dass es diese Mittel alle gar nicht braucht“

26.06.2018

„Wir gehen davon aus, dass es diese Mittel alle gar nicht braucht“

Laut Umweltinstitut München sind die beiden Wirkstoffe Cyantraniliprol und Flupyradifuron bienengefährlich

Das Umweltinstitut München erwirkte am 12. April 2018 vor dem Verwaltungsgericht Braunschweig einen Durchbruch, den es für die öffentliche Diskussion um Pflanzenschutzmittel nutzen will. Die angehende Fachredakteurin Yasmin-Coralie Berg sprach mit Karl Bär, Referent des Umweltinstituts.

 

Herr Bär, das Institut erhält künftig Informationen über die Anzahl von Zulassungsanträgen von Pflanzenschutzmitteln auf der Basis der beiden Wirkstoffe Cyantraniliprol und Flupyradifuron. Was fängt das Umweltinstitut mit dieser Information an?

Karl Bär: Wir gehen davon aus, dass ein Zulassungsverfahren anders läuft, wenn es öffentlich ausgetragen wird. Denn die Öffentlichkeit ist sehr kritisch gegenüber Insektengiften – hier lautet das Stichwort „Insekten- und Bienensterben“. Wir möchten, dass möglichst wenige von diesen Mitteln zugelassen werden – und wenn, dann mit möglichst scharfen Auflagen. Deswegen ist es uns wichtig, dass die Verfahren öffentlich laufen und die Öffentlichkeit auch darüber diskutieren kann.

 

Der professionelle Gartenbau ist oft auf chemische Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln angewiesen. Welche Alternativen in entsprechend verfügbarer Menge gäbe es für die Wirkstoffe Cyantraniliprol und Flupyradifuron aus Ihrer Sicht?

Karl Bär: Es gibt ja nicht nur Flupyradifuron und Cyantraniliprol, sondern ganz viele Wirkstoffe. Wir gehen davon aus, dass es diese Mittel alle gar nicht braucht. Immerhin wirtschaften über zehn Prozent der Obst- und Gartenbaubetriebe nach den Richtlinien des Bio-Landbaus.

 

Die Zahl wächst und das ist gut so, denn der Markt kann noch mehr solcher Betriebe vertragen, sie kommen alle ohne den chemisch-synthetischen Pflanzenschutz aus. Zusätzlich wird die Diskussion im Bio-Bereich um die wenigen Pflanzenschutzmittel, die dort zugelassen sind, immer größer. Denn die Agrar-Ökologie bietet uns wesentlich bessere Methoden als Insektengifte. Wenn man zum Beispiel Mischkulturen nutzt – etwa Karotten und Lauch, die immer im Wechsel angepflanzt werden. Diese Kulturen unterstützen sich gegenseitig. So hält der Lauch beispielsweise die Möhrenfliege von den Karotten ab.

 

Es gibt immer wieder Interessensgruppen, die die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln stoppen wollen. Welche rechtlichen und anderen Mittel könnten diese nutzen?

 

Karl Bär: Es gibt da einen Präzedenzfall in Frankreich. Unsere Kollegen von der Organisation „Genération Future“ haben das französische Pendant zum BVL wegen mangelnder Abwägungen bei der Zulassung von Mitteln mit dem Wirkstoff Sulfoxaflor verklagt und Recht bekommen. Wenn jetzt in Deutschland zusätzliche Mittel mit Sulfoxaflor, Cyantraniliprol oder Flupyradifuron zugelassen werden, werden wir uns ebenfalls ganz genau anschauen, wie die Behörden hier abgewogen haben.

 

Hat die öffentliche Diskussion um Neonicotinoide bereits messbare Fortschritte im Kampf gegen das Bienensterben gebracht? Das Umweltinstitut setzt sich ja immer wieder mit Pflanzenschutzmitteln auseinander, die im Ruf stehen, wichtige Insekten zu schädigen.

 

Karl Bär: Die öffentliche Diskussion über das Insektensterben hat dazu geführt, dass jetzt die Europäische Union überlegt, drei Neonicotinoide im Freiland zu verbieten. Wir betrachten das als großen Fortschritt.

 

Dieser Vorgang hat sehr lange gedauert. Und die ganze Diskussion über das Bienensterben ist ja schon seit 2008 ein großes Thema. Wir hätten in dieser Zeit eigentlich schon viel größere Fortschritte machen können, wenngleich immer weitere Einschränkungen gegenüber diesen Giften verhängt wurden. Wir hoffen, dass die Verbote, die jetzt kommen, auch große Wirkung zeigen im Feld. Die Menschen werden sich immer bewusster, dass das „Problem Insektensterben“ besteht.

 

Newsletter